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Sculpture & Works of Art
Thursday, 9 December 2021

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Tilman Riemenschneider, 1460 Heiligenstadt – 1531 Würzburg, Werkstatt

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Tilman Riemenschneider,
1460 Heiligenstadt – 1531 Würzburg, Werkstatt

HEILIGER JOHANNES Höhe: 115 cm.

Catalogue price€ 140.000 - 180.000 Catalogue price € 140.000 - 180.000  $ 168,000 - 216,000
£ 126,000 - 162,000
元 1,058,400 - 1,360,800
₽ 11,923,800 - 15,330,600

 

Lindenholz, dreiviertelrund geschnitzt mit Resten einer polychromen Fassung. Auf niedriger mitgeschnitzter Plinthe im leichten Kontrapost stehende Figur in Gewand mit Knitterfalten, darunter eine Hand verborgen, die gen Gesicht geführt wird.

Tilman Riemenschneider wurde im thüringischen Heiligenstadt geboren und absolvierte eine Ausbildung zum Steinmetz in Erfurt, wo er sich auf Alabaster spezialisierte. Er ließ sich eine Zeit lang in Ulm nieder, wo er als Lehrling bei Michel Erhart arbeitete. Nachdem er sich dort niedergelassen und 1483 geheiratet hatte, wurde er Bürger und Mitglied der Malerzunft von St. Lukas und erlangte den Status eines Meisters. Der Reichtum seiner neuen Frau ermöglichte ihm ein großes Haus mit ausreichend Platz für Werkstätten und Unterkünfte für Gesellen, Lehrlinge und seine Familie. In der Folgezeit erhielt er zahlreiche Aufträge von verschiedenen Stadträten, darunter 1490 vom Rat der Stadt Münnerstadt ein Altarbild für den Hochaltar der Pfarrkirche St. Maria Magdalena anzufertigen. Die Elemente dieses Altarbildes sind heute verstreut. Weitere große Aufträge führte Riemenschneiders Werkstatt für lokale Auftraggeber sowie für Kunden in Franken und Sachsen aus. Im Jahr 1504 wurde er in den Stadtrat und 1509 als erster Künstler in den Oberrat von Würzburg gewählt. Der Bildhauer wurde 1520/21 zum Bürgermeister der Stadt gewählt und war zu diesem Zeitpunkt bereits zum vierten Mal verheiratet. Als 1525 der Bauernaufstand über Deutschland hereinbrach, widersetzten sich Riemenschneider und andere Ratsmitglieder den Forderungen des Fürstbischofs Conrad von Thüngen und versuchten, die Bauern in ihrem Kampf um die Befreiung von der Leibeigenschaft zu unterstützen. Der Bildhauer starb 1531 und wurde auf dem Friedhof neben dem Würzburger Dom beigesetzt.

Tilman Riemenschneiders einzigartiges bildhauerisches Vokabular ist in der Schnitzerei dieser ergreifenden Figur des trauernden Heiligen Johannes deutlich zu erkennen. Der wohl bedeutendste deutsche Bildhauer des Mittelalters zeichnet sich durch seine besondere Art der Darstellung der Gesichtszüge (mandelförmige, nach unten gerichtete Augen, die durch dünne Lidstriche hervorgehoben werden, eine kantige Nase, zierliche, geschürzte Lippen und ein grübchenartiges, spitzes Kinn) und die authentische, mit feinen Falten durchzogene Haut aus, die ein Leitmotiv von Riemenschneiders unverwechselbarem Schnitzstil sind. Die Kombination von kompositorischen Details, einschließlich der zahlreichen Diagonalen, die durch tiefe Falten in Johannes' Mantel entstehen, die leichte Neigung des Kopfes des Heiligen, die Verlagerung des Gewichts auf sein linkes Bein und die Verwendung von üppigen, offenen Haarlocken, die sein jugendliches Antlitz umrahmen, schaffen ein Gefühl von plastischer Masse und Bewegung.

Die größeren Formen der Draperie, die diese Figur umhüllt, sind typisch für die früheren Werke des Meisters, ein Detail, das oft auf seine Ausbildungsjahre am Oberrhein und in Straßburg zurückgeführt wird. Wie Krohm in der Ausstellung des Metropolitan Museum of Art 1999 (a.a.O.) darlegt, finden wir in Riemenschneiders Skulptur Figurentypen, die sich auf die Arbeiten von Niclaus Gerhaert zurückführen lassen, der in Straßburg tätig war, das damals neben Ulm das wichtigste Zentrum für Bildhauerei in Süddeutschland war. Insbesondere die Kaskade tiefer Falten an der linken Seite des Heiligen Johannes findet sich in anderen frühen Skulpturen Riemenschneiders und seiner Werkstatt wieder; die Faltenwürfe treten hervor und zurück. Die Falten des großzügigen Mantels, die lange diagonale Linie der Draperie über der Figur und die Bündelung der Draperie an einer Seite finden sich auch in seiner Heiligen Barbara aus Alabaster, um 1485-1490 (Chapuis, Kat.Nr. 4), seinem Heiligen Johannes dem Täufer, um 1490, aus Haßfurt (Chapuis, Abb. 1) und seiner weiblichen Heiligen aus dem North Carolina Museum of Art, um 1490 (Chapuis, Kat.Nr. 10). Erst in den späteren Werken Riemenschneiders findet sich die eher flächige, scharfkantige und kalligrafische Behandlung der Draperie.

Offensichtlich wurde diese Johannesfigur für einen Altar geschnitzt, auf dem der jugendliche Jünger zusammen mit einer leicht nach rechts geneigten Marienfigur den gekreuzigten Christus flankierte. Das Pathos des Johannes ist spürbar, als er leise seine rechte Hand, die von dem schweren Mantel bedeckt ist, hebt, um sich die Tränen abzuwischen. Eine ähnliche Geste findet sich auch in der Holzfigur des Heiligen Johannes aus einem Torbogen in Heidingsfeld.

In der vorliegenden Skulptur stützt der Heilige jedoch den rechten Ellbogen mit der linken Hand ab, eine in der antiken Bildhauerei häufig anzutreffende Trauergebärde. Diese Armhaltung wurde auch bei der Marienfigur ganz rechts in der Klagegruppe aus Großostheim um 1510 verwendet. Außerdem erinnert diese Komposition an die Schnitzerei mehrerer Figuren aus einer der Gruppen, die für den Passionsaltar einer Kirche in Rothenburg um 1485-1490 angefertigt wurden, der sich heute im Bayerischen Nationalmuseum in München befindet.

Die Figuren der Münchner Gruppe, die ursprünglich eine Kreuzigung flankierten, zeigen ebenfalls eine tiefe Trauer. Die trauernde Frau im Hintergrund wischt sich mit ihrem Mantel über die Augen, und der Bildhauer verwendet lange diagonale Falten und kleinere Kurven der Draperie, um ein Gefühl von Bewegung und Lebendigkeit zu vermitteln.

Die Augen dieses Johannes sind nach unten geneigt, was durch das hervortretende Stirnbein, das von einer Hautfalte über dem Lid bedeckt ist, betont wird. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen Licht und Schatten, der das Gefühl der überwältigenden Trauer noch verstärkt. Diese Details finden sich auch im Gesicht der Maria aus einer der Münchner Passionsgruppen wieder. Riemenschneiders Werkstatt fügte eine oder mehrere Falten unter den Augen hinzu, je nach dem Alter des Dargestellten.

Michael Baxandall erörtert, wie der Meister die Augen in seinen Skulpturen bearbeitete, um der wechselnden Position des Betrachters Rechnung zu tragen. Die Augen sind oft asymmetrisch, wie bei der vorliegenden Skulptur und der Maria, um das richtige Aussehen aus verschiedenen Blickwinkeln zu erreichen. Die schwarze Pigmentierung der Iris des Johannes und die rote Farbe seiner Lippen, die für die Werkstatt typisch sind, vermitteln einen realistischeren Eindruck.

In den letzten Jahren hat die Forschung in Bezug auf die Verwendung aufwendiger Ornamente durch die Werkstatt, die die Oberflächen einiger Skulpturen verschönern, festgestellt, dass bestimmte Figuren nicht für die Bemalung bestimmt waren. Im vorliegenden Fall deuten das Fehlen von punzierten oder gravierten Mustern im Holz und die Spuren von Polychromie in den Vertiefungen der Falten des Faltenwurfs (wenn auch wahrscheinlich später) darauf hin, dass diese Figur ursprünglich bemalt war. Die Kleidung des Johannes ist bescheiden, ähnlich wie die des Johannes ganz links in der Windsheimer Apostelaltargruppe, um 1509.
Riemenschneider unterhielt eine große Werkstatt, in der er Lehrlinge ausbildete und Gesellen beschäftigte, die die Sprache ihres Meisters beherrschten. Der Ruhm des Bildhauers war weit verbreitet; er war bei den Kirchen, Städten und wohlhabenden Bürgern der Region sehr gefragt und erhielt auch Aufträge über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Obwohl er für einen Teil der Arbeiten auf seine Gehilfen angewiesen war, wurden die Schnitzereien vom Meister selbst abgenommen. Die meisten Skulpturen aus der Werkstatt wurden von ihrem ursprünglichen Standort entfernt und sind daher nicht dokumentiert.

Provenienz:
Die vorliegende Figur wurde laut Einlieferertradition von einem Bauern im unterfränkischen Seinsheim, unweit von Würzburg, 1932 erworben.
Galerie Dr. phil. Hans Rudolph, Hamburg, vom Erstgenannten erworben.
Dr. Caspers, Hamburg, in den 1950er-Jahren von Rudolph erworben.

Literatur:
Old Master Paintings and Sculpture, Sotheby´s, New York, 31. Januar 2013, Lot 342, S. 298-301.
Vgl. Justus Bier, Tilmann Riemenschneider. Die Frühen Werke, Würzburg 1925.
Vgl. Justus Bier, The Sculptures of Tilmann Riemenschneider, The North Carolina Museum of Art, Raleigh 1962.
Vgl. Justus Bier, Tilmann Riemenschneider. Die späten Werke in Holz, Wien 1978, Nr. 31.
Vgl. Justus Bier, Tilmann Riemenschneider. His Life and Work, Kentucky 1982.
Vgl. Julien Chapuis (Hrsg.), Tilman Riemenschneider. Master Sculptor of the Late Middle Ages, National Gallery of Art, Washington, DC/ The Metropolitan Museum of Art, New York, Washington and New Haven 1999, Kat.Nr. 43.
Vgl. Julien Chapuis (Hrsg.), Tilman Riemenschneider. C. 1460-1531, Studies in the History of Art 65, Center for Advanced Study in the Visual Arts, Symposium Papers XLII, The National Gallery of Art, Washington, D.C., New Haven and London 2004.
Vgl. Tilman Riemenschneider. Werke seiner Blütezeit (Ausstellungskatalog), Mainfränkisches Museum Würzburg, 24. März - 13. Juni 2004, Nr. 1, S. 341-343, Nr. 71, S. 342, Abb. 106, 296, 297. (1290022) (13)


Tilman Riemenschneider,
1460 Heiligenstadt – 1531 Würzburg, workshop of
SAINT JOHN Height: 115 cm.

Provenance:
According to the tradition of the sellers, the present figure was acquired in 1932 from a farmer in Seinsheim in Lower Franconia, not far from Würzburg.
Galerie Dr Phil Hans Rudolph, Hamburg, acquired from the above.
Dr Caspers, Hamburg, acquired from the above in the 1950s.

Literature:
Old Master Paintings and Sculpture, Sotheby´s, New York, 31 January 2013, lot 342, pp. 298-301.
cf. Justus Bier, Tilmann Riemenschneider. Die Frühen Werke, Würzburg 1925.
cf. Justus Bier, The Sculptures of Tilmann Riemenschneider, The North Carolina Museum of Art, Raleigh 1962.
cf. Justus Bier, Tilmann Riemenschneider. Die späten Werke in Holz, Vienna 1978, no. 31.
cf. Justus Bier, Tilmann Riemenschneider. His Life and Work, Kentucky 1982.
cf. Julien Chapuis (ed.), Tilman Riemenschneider. Master Sculptor of the Late Middle Ages, National Gallery of Art, Washington, DC/ The Metropolitan Museum of Art, New York, Washington and New Haven 1999, cat. no. 43.
cf. Julien Chapuis (ed.), Tilman Riemenschneider c. 1460-1531, Studies in the History of Art 65, Center for Advanced Study in the Visual Arts, Symposium Papers XLII, The National Gallery of Art, Washington, D.C., New Haven and London 2004.
cf. Tilman Riemenschneider- Werke seiner Blütezeit (exhibition catalogue), Mainfränkisches Museum Würzburg, 24 March - 13 June 2004, no. 1, p. 341-343, no. 71, p. 342, ill. 106, 296, 297.

This object has been individually compared to the information in the Art Loss Register data bank and is not registered there as stolen or missing.

 

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