Thursday, 26 March 2015

Auction Modern Art

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Gabriele Münter, 1877 Berlin – 1962 Murnau am Staffelsee
Detail images:  Gabriele Münter, 1877 Berlin – 1962 Murnau am Staffelsee

Lot 997 / Gabriele Münter, 1877 Berlin – 1962 Murnau am Staffelsee

997
Gabriele Münter,
1877 Berlin – 1962 Murnau am Staffelsee

IM UHRMACHERLADEN, 1916 Öl auf Leinwand.
65 x 88 cm.
Rechts unten signiert „Münter“. Verso auf dem Keilrahmen signiert, datiert und betitelt. Verso auf der Leinwand Nachlassstempel und in weißer Kreide wohl von Christie's bezeichnet „Lot 362, 26/6/84“.
Gerahmt.

Catalogue price € 350.000 - 450.000 Catalogue price€ 350.000 - 450.000  $ 395,499 - 508,499
£ 297,500 - 382,500
元 2,653,000 - 3,411,000
₽ 25,389,000 - 32,643,000

 

In der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung unter der Nummer V 80 registiert (verso auf Keilrahmen Etikett mit der Nummer). Das Werk wird in das Werkverzeichnis aufgenommen.

Am 3. Juli 1915 brach Gabriele Münter von München in ihre Geburtsstadt Berlin auf, die sie zwei Wochen später verließ, um in das neutrale Skandinavien zu reisen. Über Kopenhagen kam sie nach Stockholm, wo sie sich willkommen und von ihrer einzigartigen Lage inspiriert fühlte. Sie schrieb an die Malerin Lilly Rydström-Wickelberg: „Ich war erstaunt und begeistert darüber, dass ich hier im hohen Norden, von dem ich nur sehr geringe Kenntnis hatte, eine so wunderbar gelegene und schöne Stadt fand. Hier fühlte ich mich sofort freundschaftlich und wohlwollend empfangen. Fernab vom Kriegsgeschehen hatte ich eine intensive Arbeitszeit, gefördert durch das feine Verständnis, das mir von den schwedischen Kunstkennern entgegengebracht wurde. (...) Es war eine interessante Zeit, die ich in Stockholm erlebte.“ Kandinsky weilte zurgleichen Zeit mit Anna, seiner ersten Frau, in Moskau und hielt intensiv Kontakt mit Münter. Immer wieder versprach der Künstler, sie bald zu besuchen und die Heiratspapiere zu beschaffen, um ihre skandalöse Liaison noch nachträglich zu legitimieren. Eine Absprache, auf die die Künstlerin größten Wert legte. Um so größer war die Enttäuschung als Kandinsky nach einem Besuch Ende 1915 bis Anfang des Jahres 1916, seinen fest zugesagten zweiten Besuch in Stockholm immer wieder verschob, die Verschiebung immer neu rechtfertigte und den von ihr aufgebauten Druck ihr zum Vorwurf machte.
Das Gemälde „Im Uhrmacherladen“ aus dem Jahr 1916 wurde von S. Gregg als Verarbeitung dieses langen Wartens gedeutet. Im Zentrum der Komposition ist eine frontal auf den Betrachter gerichtete weibliche Figur zu sehen. Sie sitzt oder steht an einem Tisch, auf dem ein Tintenfass steht. Der Hintergrund der rechten Bildhälfte wird von einer Wand dominiert, an der mehrere Uhren hängen, am Fuße der Wand ist eine Skulpturengruppe mit zwei reiterlosen Pferden wiedergegeben. Links hinter der Frau ist eine weitere Person im Profil vor einem großen Blumenstrauß zu sehen, die sich über ihre Arbeit beugt (möglicherweise der Uhrmacher beim Reparieren). Nach S. Gregg steht die Frau im Vordergrund für Gabriele Münter, die Uhren für die Erwartung der Ankunft Kandinskys. Die springenden Pferde rechts können als Hinweis auf den Almanach „Der Blaue Reiter“ gedeutet werden. Auch das Tintenfass kann in die Interpretation aufgenommen werden, führten Münter und Kandinsky in diesen Jahren doch einen zunächst intensiven, dann jedoch immer stärker abflauenden Briefverkehr. Demnach kulminieren in dem Gemälde der Schmerz und die Einsamkeit in der Erwartung des geliebten Menschen. Es wird zum bildlichen Ausdruck des Wendepunktes der Beziehung der beiden Künstler. Kandinsky heiratete in diesem Jahr Nina, teilte dieses Gabriele aber nicht mit, die weiter in Erwartung verharrte und die Zeit an sich vorbeiziehen sah. Interessanterweise war dies für Münter jedoch eine Zeit höchster Produktivität und Inspiration sowie öffentlicher, internationaler Anerkennung und Vernetzung mit anderen Künstlern. Kandinsky hingegen malte 1915/ 16 kaum.
Neben der möglichen biographischen Bedeutung ist das Werk auch stilistisch von größtem Interesse. In ihm präsentiert sich all das Naive und Wilde, das die Werke der Künstlerin zu jener Zeit international bekannt machte. Die Figuren und einzelnen Elementen sind von einer festen Kontur umschlossen und stehen so vereinzelt. Dieses stilistische Element unterschreicht die Isolation der Figur in ihrer Umgebung und damit die Stimmung, in der sich die Künstlerin befand.
Das Gemälde bildet die Vorlage für die gleichnamige Kaltnadelradierung auf Zink, die 1917 entstand.

Provenienz:
Christie's London, 26. Juni 1984, Sale 2925 (MILENA), Lot 362.

Ausstellung:
Liljevalchs Konsthall, Stockholm, Januar bis Februar 1917.
Ausstellungskatalog Orangerie/ Gerhard F. Reinz, Gabriele Münter, Köln, 1981. (1000001) (12)


Gabriele Münter,
1877 Berlin - 1962 Murnau am Staffelsee

IM UHRMACHERLADEN (IN THE WATCHMAKER'S SHOP), 1916

Oil on canvas.
65 x 88 cm.
Signed “Münter” lower right. Verso on canvas estate stamp.

Registered as no. V 80 in the Gabriele Münter- and Johannes Eichner foundation. The work will be included in the catalogue raisonné.

The painting “Im Uhrmacherladen” dates back to 1916. At centre, a young female figure can be seen fully facing the beholder. She is either sitting or standing at a table on which an inkwell is placed. The background of the right half of the painting is dominated by a wall on which various clocks are hanging; at the bottom of the wall a sculpture group of two horses can be seen. Behind the woman, on the left, another person in profile is depicted leaning over his work (possibly the watchmaker) in front of a large flower bouquet. According to S. Gregg the woman in the foreground represents Gabriele Münter, while the clocks represent the anticipation of Kandinsky's arrival. The jumping horses on the right can be interpreted as a hint at the Almanac of “Der Blaue Reiter”. The inkwell can also be included in the interpretation, as Münter und Kandinsky initially held intensive correspondence in those years, which however dwindled later. The pain and loneliness at the expectation of her lover culminate in this painting. It becomes the visual expression of the turning point in the relation of these two artists. Kandinsky married Nina that year, which he did not communicate to Gabriele who remained expectant and watched time ticking away. It is very interesting that this was a period of high artistic output and inspiration for Münter, as well as a period of public and international recognition and networking with other artists. By contrast, Kandinsky hardly painted in 1915/16. Besides the potential biographic importance of this painting, it is also highly interesting stylistically. All the naivety and savageness which made the artist's work internationally famous at the time are represented in this work. The figures and particular elements are edged by a firm outline and therefore stand in isolation. These stylistic elements emphasize the figure's solitariness in her surrounding and therefore the artist's mood at the time. The painting is a template for a drypoint on zinc with the same title, which dates to 1917.

Provenance:
Christie's London, 26 June 1984, Sale 2925 (MILENA), lot 362.

Exhibition:
Liljevalchs Konsthall, Stockholm, January to February 1917.
Exhibition catalogue Orangerie/ Gerhard F. Reinz, Gabriele Münter, Cologne, 1981.

This object has been individually compared to the information in the Art Loss Register data bank and is not registered there as stolen or missing.