Thursday, 28 September 2017

Auction 19th / 20th Century Paintings

» reset

Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda

Lot 374 / Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda

Detailabbildung: Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda Detailabbildung: Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda Detailabbildung: Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda Detailabbildung: Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda Detailabbildung: Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda Detailabbildung: Carl Spitzweg, 1808 München – 1885 ebenda

374
Carl Spitzweg,
1808 München – 1885 ebenda

MÖNCH IN EINER TROPENLANDSCHAFT BEIM ERSCHRECKTEN ANBLICK EINER SCHLANGEÖl auf Holz. Parkettiert.
24,2 x 35,7 cm.
Links unten Rhombusmonogramm. Verso mittig runder Gummistempel (kaum leserlich), sowie in weißer Farbe (wohl ehemalige Sammlungsnummer): "Spi 4".

Catalogue price € 40.000 - 60.000

Share at Facebook Pin-It on Pinterest Share at Google+

 

Anders als bei der Mehrzahl der in den letzten Jahrzehnten im Kunsthandel gesichteten Werke Spitzwegs, darf hier durchaus von einem Hauptwerk gesprochen werden. Nur wenige, aber hervorragende Bildmotive in seinem umfangreichen Gesamtwerk zeigen den spezifisch humoristischen Charakterzug, für den dieser Maler berühmt geworden ist, so deutlich, wie in dem vorliegenden Gemälde.
Das Bild versetzt den Betrachter in eine paradiesische, aber gleichwohl wilde südliche Uferlandschaft mit Blick auf das offene Meer. Im Bildzentrum ragt ein tropischer Opuntienbaum mit prallen Feigenkakteen in den Himmel, links davor eine große Agave, rechts weitere Tropenpflanzen und Kakteen. Der Vordergrund ist steinig und trocken, in virtuoser skizzenhafter Pinseltechnik wiedergegeben. Die scharfe Horizontlinie trennt die ruhige türkisgrüne Meeresfläche vom diesig blau-grauen Himmel. Trotz aller Vordergründigkeit der tropischen Pflanzenwelt als scheinbarer Hauptgegenstand erscheint rechts neben dem Baum ein vom Hang heraufsteigender Mönch in brauner Kapuzinerkutte, wie aus einer anderen Welt. Da die Figur noch nicht ganz oben angekommen ist, ist nur ihr Oberkörper wiedergegeben. Ein Trageriemen will zeigen, dass der Mönch eine Botaniktrommel geschultert mitführt. Das von der tropischen Sonne hell erleuchtete Rundgesicht lässt seine Anstrengung erkennen, die Hand auf einen Stock gestützt. Seine starken Brillengläser blitzen lichthell auf, scheinen ihn zu blenden. Sein Blick ist in starrem Erschrecken nach rechts gerichtet, auf eine Kobra, die soeben aus dem Kakteenschatten mit bedrohlich erhobenem Kopf hervorschlängelt. Das Entsetzten ist dem feisten Mönchsgesicht mit weit aufgerissenem Mund deutlich anzusehen.
Erst in dieser gemalten Dramatik wird verständlich, warum der Vordergrundboden in sandfarbenen skizzenhaften Farbtönen gehalten ist, nämlich um den Blick ganz auf die Szenerie zu lenken. Stilistisch hat Spitzweg hier ganz bewusst die tieftürkise Farbigkeit der weiten Meeresfläche als paradiesisch-tropisches Element ins Bild gebracht und in Gegensatz gestellt zu den Grün- und Brauntönen der Vegetation. Nicht zufällig hat er - als den zentralen Punkt im Bild - eine rot leuchtende Kaktusfrucht einkomponiert.
In mehrfacher Hinsicht zeigt Spitzweg in diesem seinem Gemälde die so einmalige, nur ihm so eigene humorige Psychologie: das Überraschende, Unerwartete, ja Gefährliche der Situation wird hier glänzend parodiert. Sowohl die Nebeneinanderstellung von bürgerlich wohlbeleibtem Mönchstum und zivilisationsfremder, nur scheinbar paradiesischer Wildnis als auch der in dicker Wollkutte für seine Interessen an der Naturwissenschaft in den Tropen umherstreichende Mönch, enthalten den Aspekt des Absurden.
In diesem Sinne steht das Gemälde auch Spitzwegs weltbekanntem Hauptwerk "Der Schmetterlingssammler" der Zeit um 1840 (WVZ 378, Museum Wiesbaden) nahe. Auch dort ist das verblüffte Erstaunen eines Botanikers mit kleiner Fangbüchse im Angesicht riesenhafter blauer Schmetterlinge thematisiert. Es ist die Welt des biedermeierlichen kleinlichen Denkens, das beim Anblick des völlig Unerwarteten das große Ereignis erfährt. Zweifellos gehören diese Bildideen zu Spitzwegs größten künstlerischen Leistungen.

Das Gemälde ist im WVZ Wichmann, Nr. 171 unter dem Titel "Mönch in einer Tropenlandschaft" aufgeführt und in kleiner Schwarz-Weiß-Abbildung gezeigt. Umso bedeutender ist hier die erstmalige farbige Publizierung des Werkes, da zur Zeit der WVZ-Erstellung keine Möglichkeit der Farbaufnahme zur Verfügung stand. AR

Ausstellungen:
Kleucker, Düsseldorf, Spitzweg-Ausstellung 15.03.-15.04.1938, Nr. 1, Abb. im Katalog S. 24, aus der Sammlung Walter Westfeld, Düsseldorf, mit dem Titel "Mönch in einer Tropenlandschaft".

Literatur:
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg, Verzeichnis der Werke, Stuttgart 2003, S. 157 Nr. 171.
Gunter Ronnefahrt, Carl Spitzweg, beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle. München 1960, Nr. 1117. Im WVZ ist aufgeführt: Gutachten von Hermann Uhde-Bernays, Starnberg, 06.11.1949 (1120661) (11)


Carl Spitzweg,
1808 Munich – 1885 ibid.

MONK LOOKING TERRIFIED AT A SNAKEIN A TROPICAL LANDSCAPE

Oil on panel. Parquetted.
24.2 x 35.7 cm.
Rhombus monogram lower left. Round (hardly legible) rubber stamp on reverse and inscription in white paint "Spi 4" (probably former collection number).

Other than a majority of works available on the art market in recent decades, this painting can definitely be considered as one of Spitzweg's great works. The juxtaposition of a bourgeois stout monk with this uncivilized, apparently paradisiac wilderness seems grotesque, as does the monk's apparent interest in natural science while scampering the tropics in a thick wool habit . In this sense, the painting is close to Spitzweg' world famous magnum opus The butterfly collector dating around 1840 (catalogue raisonné no. 378, Museum Wiesbaden). This is the world of "petty thinking" of the Biedermeier period, where beholding the absolutely unexpected becomes a major event. Undoubtedly these pictorial ideas are among Spitzweg's greatest artistic achievements. The painting is listed in the catalogue raisonné by Wichmann, no. 171 titled "Mönch in einer Tropenlandschaft" [monk in a tropical landscape] and is shown with a small black and white illustration. It is all the more important for the work to be published in colour here for the first time, as there was no colour photograph available at the time of its publication.

Exhibitions:
Kleucker, Düsseldorf, Spitzweg-Ausstellung,15 March – 15 April 1938, no. 1, cat. ill. on p. 24, from the collection of Walter Westfeld, Düsseldorf, titled: "Mönch in einer Tropenlandschaft".

Literature:
Siegfried Wichmann, Carl Spitzweg, Verzeichnis der Werke, Stuttgart 2003, page 157 No. 171.
G. Ronnefahrt, Carl Spitzweg, beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle, Munich 1960, no. 1117. Listed in the catalogue raisonné: expert's report by H. Uhde-Bernays, Starnberg, 6 November 1949.

This object has been individually compared to the information in the Art Loss Register data bank and is not registered there as stolen or missing.